Pfingsten – Aufforderung zum Tanz
Vergangenes begegne dem Geist der Gegenwart als noch Lebendiges, als Mitgeschlepptes oder als Abgetanes, so der Philosoph Nicolai Hartmann. Um das Eine vom Anderen zu unterscheiden und um so Neues in die Welt zu bringen, sind Distanz und Auswahl nötig. Erst Abstand und Relativierung setzen Energie und Kreativität frei. Leben ist ein Zukunftsentwurf. Dabei muß man auch sich selbst und die eigene Geschichte vergessen können. Dieses Vergessen ist keine geistlose Demenz, sondern ein geistreiches Erneuern. Es ist eine Schule des Entlernens. Vergessen ist mehr als der bloße Gegenbegriff zu Erinnern.
Diese Philosophie des Vergessens kann auf eine lange Tradition und veritable Gewährsleute wie Proust, Freud, Sartre verweisen. Immer geht es dabei um eine Er-Lösung von der Vergangenheit, wo sie lähmt und Zukunft erstickt. Friedrich Nietzsche: „Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkelheit gehört.“ Ohne Vergessen gibt es „kein Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, keine Gegenwart.“
Im Alten Testament ist die Erinnerung der fundamentale Bestandteil der Gottesbeziehung zwischen Israel und Jahwe. Israel vergewissert sich seiner selbst und Gottes durch permanente Erinnerungsarbeit. Doch gibt es gerade bei den Propheten Visionäres: „Gedenket nicht an das Alte und achtet nicht auf das Vorige. Denn siehe, ich will Neues machen“, spricht Gott bei Jesaja (43,18f).
Im Neuen Testament sagt Johannes der Täufer über Jesus, er werde nicht mit Wasser, sondern mit heiligem Geist und Feuer taufen (Mt 3,11). Feuer ist das wildeste Element, pure Energie. Es kann Leben zerstören; gebändigt aber, ist es Grundlage jeder Kreativität. Die „Feuertänzerin“ im Holzschnitt von Emil Nolde (1910) tanzt nicht nur um das Feuer, sie ist ekstatisch selber Feuer und Flamme. Ihr Haar weht, die Arme fliegen, der Rock loht. In flammender Körperlichkeit ist sie ganz Geist, durchbraust, ergriffen und erregt. Geist ist Flamme. Mit diesem Flammengeist wurden Pfingsten die Anhänger Jesu getauft. Nietzsche wollte nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde. Pfingsten fordert Gott zum Tanz auf.
In den Jahrhunderten nach der Feuertaufe wurden viele Kirchen, in dem Bemühen die Botschaft Jesu festzuhalten, zu Erinnerungs- und Bewahrinstitutionen. Visionäre Jugendträume erstarrten zu verklärenden Alterserinnerungen, die heiße Flamme des Geistes wurde zur rußenden Altarkerze. Kirchen verkümmerten zu musealen Gedenkstätten, genau das, was Jesus am etablierten Judentum so heftig kritisiert hatte. Doch gerade der christliche Glaube kennt die aktive Kraft des Vergessens. Das Buch der Christen heißt „Neues Testament“ weil das Neue sein Markenzeichen ist. Die Auferstehung Jesu ist das total Neue, das alles andere in den Schatten stellt. Die Zukunft des Auferstandenen ist nichts Geringeres als eine neue Schöpfung. Wer „in Christus“ ist, der ist hier und jetzt schon eine „neue Kreatur“. „Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden“ (2 Kor 5,17).
Auch Erkenntnisse haben ein Verfalldatum. Damit das Christentum nicht zu einer Erinnerungssalzsäule erstarrt, braucht es die Erinnerung an Morgen, an das „neue Gebot“, den „neuen Gehorsam“, das „neue Lied“, das Bewusstsein des „neuen Gottesvolkes“. „Ich vergesse, was dahinten ist und sehe nur noch, was vor mir liegt“, schreibt Paulus (Phil 3,13). Er wusste, die Flamme des Geistes tanzt in die Zukunft.
Pfarrer Robert M. Zoske
Emil Nolde (1867-1955), Feuertänzerin, 1910, Holzschnitt (Buchschnitt-Vignette), 6,8 x 6,4 cm
