2. Januar 2016

Suche Frieden und jage ihm nach

 

Die Jahreslosung 2019: Ps 34,15b

Kommt her, Ihr Kinder, höret mir zu! Wer liebt das Leben nicht und will nicht gerne, dass seine Tage gut werden? Wenn auch du dazu gehörst, wenn auch du willst, dass dein Leben glückt, dann tue fünf Din­ge: Nicht über andere lä­stern. Niemals lügen. Das Böse meiden, das Gute tun. Und: Suche Frieden und jage ihm nach. Das ist das Rezept von Psalm 34 für ein glückliches Leben. Nicht lästern, nicht lügen, Böses meiden, Gutes tun und den Frieden verfolgen. Einer von den fünf Ratschlä­gen, der letzte von ihnen, bildet die Jahreslosung für 2019, das Motto, das per Losver­fah­ren die Herrnhuter Brüderge­meine über das neue Jahr gestellt hat und das Luther so verdeutschte: Suche Frieden und jage ihm nach.

Einige haben über diese Jahreslosung bereits gemosert: Wir wollen, sagen sie, dem Frieden nicht hinterher jagen wie einem scheuen, flüchtigen Reh. Wir wollen ihn hier bei uns haben, wir wollen, dass er uns umgibt und wir inmitten von ihm leben können. Kurzum: Wir wollen den Frieden nicht als fernes Ziel, sondern als gegenwärtigen Zustand. Andere wiederum emp­finden sich durchaus als friedlie­bend, möchten aber auf gelegentliches Lästern ungern verzichten, weil es gut für ihre Seele sei. Nicht wenige fügen hinzu, dass es manch­mal besser sei, ein wenig zu flunkern, als ihren Mitmen­schen die ungeschönte Wahrheit zuzumuten. Schließlich finden wieder andere die Empfeh­lung, Böses zu meiden und Gutes zu tun, als ziemlich platt, um nicht zu sagen schwammig. Denn im Leben sei es oft genug nicht so einfach, das Böse vom Guten zu unter­schei­den. Meist ist man ja erst am Ende schlauer.

Nun, mir ist es noch einmal anders ergangen. Mein Blick fiel zunächst auf die Überschrift, die dem ganzen Psalm beigefügt wurde, und zwar noch in biblischer Zeit. Dort heißt es: Psalm 34 von David, „als er sich wahnsinnig stellte vor Abimelech und dieser ihn vertrieb und er, David, wegging“. Mich amüsierten zwei Dinge an dieser Über­schrift. Das erste war und ist: Auch die Bibel kann irren. Auch ihre Autoren machten Fehler. David stellte sich nämlich nicht vor Abimelech wahnsinnig, sondern vor einem gewissen Achisch. So wird es im 1. Buch Samuel erzählt. Dass auch in der Bibel Fehler vorkommen, tröstet unge­mein. Und das zweite, was mich erheiterte, war, dass der Autor der Überschrift den Psalm gerade mit dieser Episode aus Davids Leben in Verbin­dung brachte. Denn diese Episode zeigt uns einen David, der lügt und sich verstellt, der vorher sich nicht scheute, Böses zu tun und der im Anschluss daran alles andere als den Frieden in den Blick nahm. Und ausgerechnet so einer setzt sich hin und ruft: Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ausge­rech­net so jemand predigt Moral. Das ist so, wie wenn ein früherer VW-Vorstand einen Vortrag über Anständigkeit hält oder der Chef der Deutschen Bahn einen Kursus für mehr Pünktlichkeit im Alltagsleben anbietet.

Doch wovon genau wird im 1. Buch Samuel gezählt? David, der Sohn Isais, das große Glückskind hat bereits einen steilen Aufstieg hinter sich. Vom einfachen Hirten­jungen zum großen Kriegshelden. Den Goliath hat er besiegt, den schlimmsten Krieger der feindlichen Philister. Außerdem hat David Zugang gefunden zum Hofe seines Königs, Saul. Saul ist ein depressiver, von Selbstzweifeln geplagter Herr­scher. David muntert ihn auf, in dem er ihm schöne Balla­den auf der Harfe vorträgt. Eine musikthera­peutische Mi­schung von Elton John und Eric Clapton. David gewinnt die Freundschaft und Liebe von Jonathan, dem Kronprinzen, heiratet aber dessen Schwester Michal und wird somit der Schwiegersohn des Königs. Alles ist gut, so scheint es. Doch auf die Dauer geht es dem König Saul gehörig auf die Nerven, dass alle Welt immer nur David preist und verehrt. Gegen diesen Sunnyboy hat der traurige, graue Saul keine Chance. Das Volk ehrt ihn, aber es liebt David. Da ergreifen Eifersucht und Neid von Saul Besitz, so sehr, dass er sei­nen Schwiegersohn nicht nur ins Abseits stellen, sondern sogar ins Jenseits befördern will. David muss fliehen. Er versorgt sich unterwegs in der Priesterstadt Nob mit Essen und Waffen. Wo soll er hin? Am besten dorthin, wo der Kö­nig von Israel ihn nicht su­chen wird, nämlich im Land der Fei­nde, der Philister. David denkt, dort für eine Weile unter­tauchen zu können. Ein schlauer Plan. Und so kommt er in die Philisterstadt Gat. Dort aber erkennt man ihn. Ist das nicht David, der berühmte Kämpfer Israels? Hat er nicht unseren Goliath getötet und viele andere mehr? Singen die Israeliten nicht immer „Saul erschlug tausend Feinde, David aber zehntausend? Man ergreift David und bringt ihn vor den König der Stadt, ein Mann mit Namen Achisch. David stellt fest, sein Plan ist gescheitert. Die Lage spitzt sich zu. Wie soll er hier wieder heil raus­kom­men? Da verfällt er auf eine verwegene Idee. Er stellt sich wahnsinnig und fängt wie von Sinnen an zu toben. Er rennt gegen die Pforte des Palasttores und lässt seinen Speichel in seinen Bart fließen. Da sprach König Achisch zu seinen Leuten: Ihr seht ja, dass der Mann wahnsinnig ist; warum bringt ihr diesen ar­men Irren zu mir? Hab ich zu wenig Wahnsinnige im Lande, so dass ihr diesen her­brach­­tet, damit er bei mir herumtobt? Der kommt mir nicht ins Haus. Widerwillig geben die Phili­ster David frei. Dessen schauspielerisches Talent, gepaart mit Cleverness und einer Prise Dreistigkeit hat ihn noch mal gerettet. Und irgend­wann einmal, ein paar Jahrhunderte später, verbindet ein uns unbekannter Autor diese Szene mit dem Psalm 34, ein Gebet „von David, als er sich wahn­sinnig stellte vor Achisch und dieser ihn vertrieb und er wegging“. In diesem Psalm wird Gott kräftig gelobt, ge­rühmt und gepriesen, weil er ihm aus allen seinen Nöten half. Aber war es nicht die ei­ge­ne Cleverness gewesen, die David aus der brenzligen Situation befreit hatte?! Seine, wie es im Jiddischen heißt, Chuzpe? Und empfinden nicht auch wir in der Regel das, was uns gelingt, als ein Ergebnis un­se­rer Fähigkeiten, unserer Talente und unserer Geschick­lichkeit?

Man könnte jetzt mit frommer Geste antworten: Naja, die Fähigkeiten und Talente sind uns ja vom Schöpfer gege­ben worden. Indem wir uns ihrer bedienen, verehren wir den Schöpfer und sein Werk. Ich glaube aber, dass in der Verbindung der Geschichte mit dem Psalm eine viel tiefere Bedeutung liegt. Ich glaube, dass hier eine Balance empfo­hlen wird. Eine, die später von Jesus auf die Formel ge­bracht wird: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie Tauben. Denn wer sich mit Gott verbunden fühlt und auf ihn vertraut, der muss sich nicht in alles schicken. Er darf, wenn es darauf ankommt, auch klug wie eine Schlan­ge, clever wie David in Gat sein. Ein Christ muss und darf in der Not nicht die Hände in den Schoß legen, sondern darf kreativ werden, um sich und anderen aus der Not zu helfen. Aber zum Christsein gehört auch die andere Seite. Das, woran uns der Psalm 34 gemahnt. Denn die Leute, die in ihrem Leben immer nur Cleverness an den Tag le­gen, die ihre Fähigkeiten und Talente, darunter ihre Klug­heit, vor allem darauf verwenden, sich selber Vorteile zu verschaf­fen, sie geraten in Gefahr, am Ende alles für machbar und alle für manipulierbar zu halten. Sie berauschen sich an ihrer vermeintlichen Großartigkeit und fallen der Selbstüber­schätzung anheim. Die Menschen in ihrem Leben sind für sie nur Schachfiguren in ihrem eigenen Spiel. Dieser Form von Größenwahn tritt der Psalm radikal entgegen, indem er auf Gegenkurs geht und alles vom Menschen wegnimmt und Gott zuspricht: ER errettete mich aus aller Not, ER half dem Elenden aus allen seinen Nöten, SEIN Engel hilft allen, die ihn fürchten, heraus. Ich glaube, dass diese Sicht der Dinge wichtig ist für ein gutes seelisches Gleichge­wicht. Es gibt ja viele hochtalentierte Menschen, jedoch auch viele, die zu Hochmut, Überheblichkeit und Eitelkeit neigen. Die so von sich und ihren Talenten eingenommen sind, dass sie auf die meisten in ihrer Umgebung nur herabse­hen können und sich selbst für unangreifbar halten, außerhalb von jeder Kritik stehend. Darum verbindet die eine Sicht mit der anderen, damit ihr nicht einseitig werdet und in die Fallen tappt, die auf beiden Seiten lauern. Seid beides: klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie Tauben. Und wenn wir wissen wollen, was es heißt, ohne Falsch wie die Tauben zu sein, dann befolgt den Rat, den der Autor des Psalm 34 gibt: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gu­tes; suche Frieden und jage ihm nach. Oder kürzer gesagt: Nicht lästern, nicht lügen, das Böse meiden, das Gute tun. Und: Bei allem haltet den Frieden im Blick.

Pfarrer Thorsten Jacobi