2. Januar 2016

Da sie den Stern sahen…

 

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. Matthäusevangelium 2,10

Nein, es geht nicht um einen schwäbischen Autobauer. Seine Produkte sollen zwar die Herzen potentieller Kunden höher schlagen lassen, aber hier, in der Losung der Herrnhuter Brüdergemeinde für den Dezember 2018, geht es natürlich um die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie zeigen sich hocherfreut, als sie Jerusalem verlassen und wieder den Stern sehen, der sie bereits in ihrer Heimat magisch angezogen hatte. Der Zwischenstop in Jerusalem, am Hofe des König Herodes, hatte ihnen nämlich Gewissheit verschafft: Dieser Stern weist tatsächlich auf einen geborenen König hin. Und unterscheidet sich damit von anderen Sternen: von denen auf amerikanischen Jagdflugzeugen oder russischen Panzern, auf italienischen Wasserflaschen oder Landesfahnen von Staaten rund um den Globus (Korea, Syrien, Australien etc.).

Heute würden sich wahrscheinlich Scharen von Teleskopen auf dieses Himmelsphänomen richten, vielleicht würde noch ein weiterer Satellit in die Umlaufbahn der Erde geschossen werden, um das Ereignis einer engen Doppelsternkonstellation noch besser sehen und untersuchen zu können. Gerade das aber, die reine Beobachtung, hat den drei Weisen nicht ausgereicht. Sie gaben sich nicht mit dem Himmelsphänomen allein zufrieden, sondern wollten wissen, für was es steht, auf was oder besser: auf wen es verweist.

In der Kommunikationwissenschaft gibt es die inzwischen weithin bekannte 4-Ohren-Theorie. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch ein- und dieselbe Botschaft auf sehr verschiedene Weise hören kann. Der Satz „Fahr nicht so langsam!“ kann demnach so gehört werden: „Die Geschwindigkeit stimmt vielleicht nicht, ich werde es mal anhand der Schilder überprüfen“ (Sachohr)“. Oder „Ich habe wohl einen Geschwindigkeitshinweis übersehen und gebe lieber etwas mehr Gas“ (Appellohr). Oder: „Du hältst mich wohl für einen schlechten Fahrer?! Fahr du doch selbst!“ (Beziehungsohr). Oder: „Du stehst wohl ziemlich unter Druck?!“ (Selbstoffenbarungsohr).

Der König Herodes hat den Stern ganz klar als eine Bedrohung angesehen, kündigte er doch die Geburt eines Rivalen an: „Gott ist wohl unzufrieden mit mir und schickt mir jetzt einen neuen Herrscher auf den Hals“. Das hört sich sehr nach dem Hören mit dem Beziehungsohr an. Denn für Herodes stand fest, dass es mit seiner Beziehung zu Gott nicht zum Besten steht. Die Hohepriester und Schriftgelehrten hatten dagegen ihre Sachohren aufgesperrt: „Wir schauen mal in der Bibel nach, was so ein Stern bedeuten könnte“. Und sie wurden fündig beim Propheten Micha. Da heißt es: „Und du Bethlehem im jüdischen Lande… aus dir soll kommen der Fürst, der über mein Volk Israel ein Herr sei“. Und was ist mit dem Appellohr? Nun, König Herodes tat so, als habe er die Botschaft des Stern als Aufforderung zur Anbetung gehört: „Forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass ich auch komme und es anbete“. Das war natürlich ein Trick: In Wirklichkeit hatte Herodes bereits beschlossen, das Kindlein umbringen zu lassen, um so einen Konkurrenten um den Thron los zu werden. Wie fast immer werden Probleme auf der Beziehungsebene kaschiert, bis hin zur offenen Lüge. Schließlich unsere Weisen: Sie verstanden den Stern als Selbstoffenbarung Gottes. Der Stern am Himmel zeigt an: So wie sein Licht den Weg zur Erde findet, so findet Gott „von oben herunter“ auf die Erde. Wie die Weisen erblickte auch der Evangelist Lukas im Stern ein Zeichen göttlicher Barmherzigkeit, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus derHöhe, damit es scheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes.“ (Lk 1,78f.) Und darüber zeigten sich die Weisen verständlicherweise hocherfreut.

Allen eine erfüllte Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Pfarrer Thorsten Jacobi